Integrationstheater!

 

Das beschreibt Max Czollek in seinem neuen Buch „Desintergiert euch!“. Schon der Titel verrät, was der Autor zu sagen hat: Er spielt das Theater des „Good Migrant/Bad Migrant“ nicht mit. Denn was wird in Deutschland unter „gelungener Integration“ verstanden? Laut Czollek: Assimilierte Bürger, die akzentfrei Deutsch sprechen, nichts lieber essen als Sauerkraut und Spätzle und am Wochenende in der Eifel wandern gehen. Daraus entwickelte sich schon in der Nachkriegszeit ein Deutsches Selbstverständnis durch das Abgrenzen des bösen „Ihr“. Das führt soweit, das gewählte Politiker im Jahre 2018 sich an das explizit deutsche Volk wenden können, ohne Aufschrei.

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Missbrauch der Erinnerungskultur

Was erwartet man von deutschen Juden? Auskunft zu Antisemitismus, Israel und Holocaust. Genau diese Erwartung ist Teil des von Czollek beschriebenen „Integrationstheaters“, welches er von Bodemanns eingeführtem „Gedächtnistheater“ ableitet. Es sei eine der zwei Inszenierungen der deutschen Öffentlichkeit.

Im Gedächtnistheater spielen Juden und Deutsche die Hauptrolle und das Theaterstück behandelt die Trauer über den Akt „Holocaust“ oder auch Shoah. Dieses ist jedoch die Inszenierung von aufgeklärten Deutschen, denn wichtig ist nicht, das Deutsche und Juden als Personen beteiligt sind, sondern wie ihre Rolle missbraucht wird. Juden werden in dem Falle als „Vertreter*innen der Vernichteten“ missbraucht, und Deutsche als aufgeklärte Handelnde der modernen Gesellschaft, die das Versprechen der Versöhnung eingelöst haben wollen. Diese Art von deutscher Identitätsstiftung sabotiert die jüdische Vielfalt. Kurzum: „Man will die Juden nur, wenn sie einem auch nützen.“

Kurzum: Eigennützige Erinnerungskultur

Dem Paradigma „Wehret den Anfängen“, das in der heutigen Politik laut aufkommt, spricht Czollek seine Wertigkeit ab. Der Antisemitismus habe schon mit der Rehabilitierung der Nazis in der Nachkriegszeit begonnen. Deshalb hat sich das deutsche Selbstverständnis etabliert, die Phase des Nationalsozialismus ausklammern zu können, und spätestens in den 90ern waren sich alle einig, das diese Geschichte der Vergangenheit angehört. Damit wurde auch die Existenz jeglicher existierenden Antisemiten untergraben, ohne Hinterfragen.

Stolz und nationalistisch durfte man spätestens ab 2006 wieder denken, laut Czollek. Denn die WM 2006 hat dem Nationalismus wieder Aufschwung gegeben. Eine wortwörtliche Last fiel den Deutschen ab, als hätten sie jahrelang unter einer Maulsperre gelitten, und das kollektive Deutsche „Wir“ vermisst.

„Deutsche sind aus dem Schuldgeplagten nationale Dornröschenschlaf aufgewacht. Zur Selbstvergewisserung braucht das neue deutsche Bewusstsein nicht mehr auf die Juden zu verweisen. Es ruft nach Normalität und gründet sie auf gelungen durchgeführte Fußballmeisterschaften und nicht auf Sondergrüße an jüdische Verbandsfunktionäre zum Gedenktag an den Holocaust. (…) Nach Jahrzehnten therapeutischer Beschäftigung mit ihrer Vergangenheit beschäftigt sich das heutige Deutschland mit sich selbst- und zwar im Hier und Jetzt.“

Czollek erklärt, dass sich deutscher Nationalismus durch kulturelle Abgrenzung entsteht und durch Ablehnung des „angeblich herrschenden linken Mainstreams und der Toleranz von „Wutbürgern““.

Die Einführung der „Leitkultur“ die zur Einrichtung eines „Heimatministers“ beitrug und ein kollektives Gefühl Nationalgefühl vermittelte, sind in seinen Augen das Hauptproblem.

Klar wird: Czollek sieht das Judentum als auch den Islam als instrumentalisierte Akteure an um sich ein neues Nationalbild gerechtfertigt aufbauen zu können. Dabei bezieht er sich auch auf die AFD, die antisemitischer nicht sein könnte, sich jedoch den muslimisch motivierten Antisemitismus aneignet, um islamfeindlich sein zu dürfen. Ganz nach dem Motto: Wenn du dich „rhetorisch auf die Seite der Juden stellst, kann dir keiner was!“

Dieses Buch is ein Aufruf, sich aus Strukturen der deutschen Selbstinszenierung zu reißen. Und dabei wendet sich Czollek auch sehr gewiss an andere Juden, die meist unwissentlich Teil davon sind. Es ist ein Denkanstoß, wach zu werden, sich umzuschauen und zu sehen, wie viel wir von dem Gesagten und Gedachten anzweifeln sollten.

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