Wenn Terre des Femmes entscheidet, wer mündig ist und wer nicht.

Wenn man an Organisationen wie „Terre des Femmes“ denkt, assoziiert man diese mit dem Schutz der Frauen, einem Selbstbestimmungsrecht sowie Gleichberechtigung der Geschlechter. Zumindest sollte eine Organisation wie Terre des Femmes das bewirken wollen. Dass das Absprechen autonomer Entscheidungen der Gegensatz zur Selbstbestimmung ist, fällt ihnen nicht auf. Denn bewertet wird aus ihrer Sicht, sprich der modernen europäischen Lebensform. Und das ist privilegiert und einfach, denn diese Form wird nicht negativ beurteilt auf einer großen Bildfläche. Sie ist die „normale, logische und richtige“ Form.

Terre des Femmes möchte mithilfe einer Petition bewirken, das Mädchen per Gesetz unter 18 kein Kopftuch mehr tragen dürfen. Argumentation: Das Kopftuch sexualisiert, da es für sexuelle Nichtverfügbarkeit stehe. Außerdem störe es die Integration.

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(Illustration von Hatice C., @hatice.baskaya)

Welche Prioritäten werden in diesem Land damit falsch gesetzt?

Vorweggenommen: Wie kann man von einer Förderung der Selbstbestimmung reden, wenn diese durch eine staatliche Institution eingeschränkt werden soll? Und das Argument, man würde mit dieser Entscheidung Zwang vermeiden und muslimischen Mädchen Freiheit überlassen, ist eine privilegierte und voreilige Ansicht. Ein tiefgründiges Hinterfragen bleibt aus, da die agierenden Frauen innerhalb der Organisation aus ihrer Lebenssicht- und weise bewerten, und diese als vollkommen ansehen. Dementsprechend lässt sich die muslimische Lebensweise vorurteilsbehaftet degradieren. Resultierend entsteht eine öffentliche Debatte, bei der viele non-muslimischen Menschen darüber streiten für was das Kopftuch steht und wieso es verboten werden sollte, ohne dabei die Betroffenen selbst miteinzubeziehen, oder gar zu Wort kommen zu lassen, durch die erklärte Abstufung.

Wie ist der Hijab im Islam erläutert?

Ein überlieferter, sowie verbreiteter Hadith des Propheten Mohammed (saw) sagt aus, das nach dem Eintritt der Geschlechtsreife, damit ist die erste Periode gemeint, eine Frau sich mit einem Kopftuch bedecken sollte. Viele gläubige Musliminnen befolgen diese Aussage des Propheten. Da die Periode ab dem 10. Lebensjahr eintreten kann, manchmal bereits davor, bedeutet das aus religiöser Sicht für viele ab diesem Zeitpunkt ein Hijab zu tragen. Würde man dieses bis zum 18. Lebensjahr verbieten, würde man insbesondere die selbstbestimmte Form der Religions- und Glaubensfreiheit einschränken.

Im Koran findet sich folgender Auszug, der auf das Hijab schließen lässt:

„Und sage den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke senken und ihre Keuschheit wahren und ihre Reize nicht zur Schau stellen sollen, außer was sichtbar ist; und dass sie ihre Tücher über ihren Busen schlagen und ihre Reize nur ihren Ehegatten zeigen sollen (…) Und sie sollen ihre Beine nicht so schwingen, dass Aufmerksamkeit auf ihre verborgene Zierde fällt (…)“ (Sure Nûr, 24:31)

Wie Frauen dies deuten, wie sie zum Kopftuch stehen, ob und wie und weshalb sie es tragen, ist dementsprechend eine Sache, die sie zwischen sich und Gott ausmachen. Deshalb ist die „Debatte“ auch etwas, was höchstens(!) innerhalb der muslimischen Community diskutiert werden darf und soll. Und diese Diskussionen innerhalb der muslimischen Community gibt es.

Innerhalb jeder Religion gibt es verschiedene Meinungen, Lebensweisen und Auffassungen des Hadiths. Da in Deutschland eine gesetzliche Religionsfreiheit herrscht, wozu auch die Freiheit bei der Wahl unserer Kleidung gehört, kann man nicht, insbesondere als Frauenschützende Organisation genau diese Rechte in Frage stellen..

Die Glaubensfreiheit ist so ausgelegt, das sie ausgelebt werden darf ohne andere Menschen dabei einzuschränken. Ein Stück Stoff tut das?

Was mich insbesondere daran stört, ist die dahinter verborgene Islamfeindlichkeit. Das Kopftuch ist eine rote Fahne im Kopf vieler, stigmatisiert durch negative Konnotationen durch die Medien und den ständigen Gegenwirkungen durch staatliche Instanzen in der Öffentlichkeit. Instrumentalisierte Islamfeindlichkeit solcher Frauenbewegungen, die im Endeffekt ein nicht tolerantes und vielfältiges Frauenbild unterstützen, sind mir persönlich ein Dorn im Auge und zwingen dazu,  sich immer mehr rechtfertigen zu müssen für die eigene Religion. Zusätzlich stört,  dass bei einer solchen Aktion damit beworben wird, das Alice Schwarzer oder ähnliche Personen diese Petition unterschreiben.

Mich irritiert an der „Idee“ eine Sache: Warum bis einschließlich 18? Traut man den Mädchen nicht zu mit 15 diese Entscheidung zu treffen? Wenn man innerhalb der muslimischen Community damit irgendetwas bewegen möchte, geht der Schuss nach hinten los. Der Islam ist eine Religion die auf dem Glauben und der Spiritualität des Menschen beruht.Diese Entscheidung, ein Hijab zu tragen. ist eine die kein Gesetz verbieten sollte. Denn diese hat etwas mit dem gläubigen Individuum und der Gottesfurcht zu tun.

Die verallgemeinerte Aussage, das Kopftuch sei ein Mittel, das für fundamentalistische Zwecke genutzt wird, ist erneut islamfeindlich und spricht jeder muslimischen Frau mit Hijab ab autonom zu sein. Muslimische Frauen werden zu einem Problem in der Gesellschaft gemacht, da sie die sensibelste Angriffsfläche bieten. Dementsprechend brauche ich auch hier nicht zu erklären, dass Frauenorganisationen nicht gleich „Wir stehen für alle Frauen und respektieren sowie tolerieren jede Lebensart“ stehen. Muss es auch nicht, aber dann handelt bitte auch nicht so, als würdet ihr.

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(Illustration von Hatice C., @hatice.baskaya)

Integration = Assimilation

Dass das Kopftuch die Integration stören soll, zeugt eigentlich nur von Intoleranz in der Mehrheitsgesellschaft. Auch, dass die automatische Herabstufung einer Frau stattfindet, wenn sie ein Kopftuch trägt. Da ständige Debatten über Frauen im Islam stattfinden, insbesondere über Kopftuchtragende, wurde das Tuch selbst abstufend bewertet und ihm wurden nur deklassierende Eigenschaften zugesprochen. Die Assoziation von einem Hijab und Inkompetenz, Haushalt sowie Unterdrückung sind fest verankert in den Köpfen vieler.  Unvoreingenommenheit ist ein Fremdwort und das befremdet mich. Wieso sollte es die Eingliederung in die Gesellschaft stören? Es stört doch nur das Kopftuch selbst, weil es befremdlich gemacht wurde. Dadurch wird nur einmal mehr unterstrichen, das westliche Anpassung in allen Bereichen die Anforderung für Integration ist, denn nur angepasste Menschen zeigen ihren Willen Teil der Gesellschaft zu sein. Dem Zwang ist man innerhalb der „westlichen“ Kultur ausgesetzt. Die Petition von Terre des Femmes veranschaulicht das erneut. Konklusion: In Wirklichkeit geht es nicht um muslimische Mädchen selbst.

Die besagte Annahme jedoch, Mädchen zu schützen, die eventuell von ihren Eltern „gezwungen“ werden, erlaubt aber kein kollektives Entgegenwirken. Egal welche Intention Terre des Femmes hat. Denn wie bereits erwähnt, würde dieses Gesetz jedem Mädchen ihre Mündigkeit absprechen. Das muslimische Frauen allgemein als unmündig zu bezeichnen sind und sie kein Selbstbestimmungsrecht besitzen, wage ich zu bezweifeln.

 

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