„Wo kommst du wirklich her?“

„Wo kommst du wirklich her?“

Alte Denkmuster, die sich durch allgegenwärtiges Bestehen selbst in unserem Denken verankert haben.

Als Kind war ich in einem Kindergarten sowie in einer Grundschule, in der der Anteil von Kindern mit „Migrationshintergund“ (Ich finde den Begriff abstempelnd und verallgemeinernd) unter 20% lag. Die Frage „Woher kommst du wirklich?“, weil ich etwas dunkler war und mein Nachname „nicht deutsch“ ist, wurde ziemlich oft gestellt. Und ich war früh darauf gepolt, zu sagen: „Mein Papa kommt aus Tunesien“. Auf den Gedanken, zu erläutern dass ich deutsch sei, bin ich erst viel später gekommen. Dementsprechend war in jungen Jahren auch das Mantra „der ist nicht ‚deutsch‘, der sieht anders aus, der kommt doch irgendwo her“ in meinem Kopf. Bis heute ertappe ich mich dabei, nach einem ethnischen Hintergrund fragen zu wollen und den Satz fast mit „Wo kommst… Ahh ne, also hast du verschiedene ethnische Wurzeln“ anzufangen. Weil dieses Deutsch sein und aufgrund von Hautfarbe, Kopftuch, Kleidung etc. systematisch etwas „anderem“ zugeordnet werden, irgendwie fester Bestandteil dieser Gesellschaft ist.

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(Illustration „oriental girl“ von Hatice Baskaya© (Instagram:@haticebaskaya)

Ich treffe immer mehr Menschen, die verschiedene ethnische Wurzeln haben, die ganz klar immer mit „Ich bin Deutsch“ antworten. Egal wie oft nachgefragt wird oder „Naja, wo kommst du denn jetzt wirklich her“ als beharrende Gegenantwort kommt, diese Menschen bleiben standhaft. Und das ist etwas, das ich mir selbst versuche beizubringen. Ich bin deutsch. Ich sehe mich ja auch als Deutsche, aber ich bin doch irgendwie anders. Oder nicht? Nein, Deutsche. Das hier ist mein Heimatland, hier komme ich doch wirklich her?

Die Identitätsfrage, die allgemein – charakterlich sowie beruflich gesehen – schon schwer zu beantworten ist, bekommt noch eine weitere ungeklärtere Krise dazu. Obwohl ich das Gefühl habe, immer mehr Menschen sind von „überall“ ist dieses Trennen von Nationalität sowie Ethnizität gerade jetzt sehr präsent. Dies wurde nebenbei bemerkt durch die #MeTwo Geschichten noch einmal verdeutlicht. Dass es zwei Gruppen von Menschen innerhalb eines Landes gibt: Einmal die, die halt „komplett“ sind, und die, die noch was anderes haben, in denen zwei Herzen schlagen und sie ja eigentlich nie „wirklich“ dazugehören können. Wir sind „Mischlinge“, und diese untermauerte Andersartigkeit ist nicht hilfreich in aktuellen politischen Situationen. Diese Trennung betrifft übrigens jedes Land, jede Kultur und jede Religion.

Natürlich ist nicht jeder, der diese Frage stellt, rassistisch motiviert und hat irgendwelche debilen Hintergedanken. Sowie auch nicht jeder bewusst im Kopf zwischen Menschen und Menschen unterscheidet. Jedoch ist, wie oben aufgeführt, die Selbstverständlichkeit dieser Frage selbst bei Menschen, die es betrifft, unterbewusst vorhanden. Es gibt Sensibilität, die durch #MeTwo geschaffen wurde. Viele haben ihre Meinung dazu (und wie sie damit umgehen) geäußert. Es ist wichtig, dass für diese Trennung zwischen Menschen aufgrund ethnischer Identität ein Diskurs geöffnet ist.

Ein Argument, welches von den aktiven Benutzern dieser Frage verwendet wird, ist, dass die Aussage im Raum stehe, bei vielen schlügen auch zwei Herzen in einer Brust. Oder vielmehr ein Herz für zwei Nationen. Dies lasse sich nicht mit der Auffassung vereinbaren, sich als deutsch zu identifizieren. Dieses Argument wuchert in jedem Herz, das für zwei Länder schlägt. Es entfacht leicht einen inneren Konflikt. Denn zwei Kulturen zu haben, ist manchmal auch gar nicht so einfach. Und ja, ich fühle mich mal mehr als Deutsche, mal mehr als Tunesierin. Und das ist auch in Ordnung. Es spricht mir noch lang nicht das Recht ab, Deutsche zu sein. Multikulturell zu sein, ist kein Gegenargument für den, sich als deutsch identifizierenden, Teil in mir. In solchen Momenten denke ich mir: „Bitte überlasse mir die Identifizierung als Deutsche, sowie meinen inneren ‚Konflikt‘, multikulturell zu sein“. Und ich muss mich auch nicht in bestimmten Situationen für eine Seite entscheiden. Egal, ob es um Politik oder Auslegung der Kultur geht, in beiden Kulturen kann ich Dinge lieben und etwas daran aussetzen, es steht kein geforderter Patriotismus im Raum, um eines von beiden sein zu dürfen.

Und um auf die Frage zu antworten: Ich bin Deutsche.

 

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