Über Özil und deutsche Doppelmoral

Die deutsche Medienlandschaft zeigte sich nach Özils öffentlicher Erklärung via Social Media von ihrer besten, und rassistischsten Seite. Vorwürfe, die mit Bezeichnungen wie Verrat oder Selbstinszenierung untermauert sind, dominieren die sozialen Medien. Wie viel die dabei geäußerten exzessiven Schuldzuweisungen über den Zustand in Deutschland bezüglich Rassismus und Integration vorzeigen, dem möchte ich auf den Grund gehen.

Mesut Özil ist seit 2009 Spieler der deutschen Nationalmannschaft. Sein Aufstieg aus Gelsenkirchen in die Top-Ligen der Welt wurde immer als besonderer Weg gewertet, sogar mit dem Integrationspreis ausgezeichnet. Er ist Deutsch-Türke, der sich immer zu beiden Nationen bekannt hat, auch Fotos mit Erdogan gab es schon vor 2018. Nun stellt das Foto aus dem Jahre 2018 die komplette deutsche Welt auf den Kopf. Warum? Es bietet sich nichts Geeigneteres an nach der Frustration über die WM-Niederlage, als Özil Foto. Das Foto wurde am 14.05.2018, kurz vor den ersten WM Spielen geschossen und publiziert. Zu sehen sind Özil und Erdogan, die händeschüttelnd und ein Trikot haltend in die Kamera schauen. In England. Während seines Staatsbesuches im Vereinigten Königreich mit Theresa May. 

Das dieses Bild Kontroversen auslöst und es auch darf, darum geht es nicht. Hat es die Jahre zuvor auch nicht. 

Özil erklärte das Bild ganz simpel. Er habe sein Staatsoberhaupt getroffen und ein Foto mit ihm gemacht. Unabhängig davon, dass er das Foto trotz der geschehenen Ereignisse erneut veröffentlichen würde. Dazu gibt es von mir folgenden Kommentar: Wenn um das Bild mit Erdogan so ein Wirbel gemacht wird, dann bitte auch wenn es um die kroatische Präsidentin geht. So rechts wie dieses Land und die Feier der Rückkehr der Weltmeister ist und war, müssen solche Dinge gleich aufgewogen werden. 

„Fehler“ die als genauso gravierend bezeichnet werden können: Lothar Matthäus mit Putin und Oliver Kahn mit Scheichen aus Saudi-Arabien. Einziger Unterschied: Deutschland verkauft Waffen an die Türkei, vereinbarte Flüchtlingsabkommen mit Erdogan, und von Öl und anderen Gütern brauchen wir nicht sprechen. Hier kommt nun die Doppelmoral ins Spiel: Der tödliche Cocktail aus folgenden Komponenten entsteht: Özil als gefundenes Opfer für die Fußballfrustration, Menschen wie Uli Hoeneß die ungefragt Aufmerksamkeit auf sich ziehen können und Deutschland mit seiner Doppelmoral zwischen „Wir brauchen das Flüchtlingsabkommen und den Export der Waffen, müssen jedoch unseren Wutbürgern etwas zum beruhigen einwerfen“. Da passt auch Hoeneß Aussage, Özil habe seit 2014(!!), schon vor der WM „einen Dreck“ gespielt. Beim WM Sieg damals sah die Meinung aber bei allen ganz anders aus. 

Interessant in der ganzen Debatte ist auch, das alle internationalen Medien schreiben, Özil sei aus rassistischen Gründen aus der Nationalmannschaft ausgetreten. Unterstreicht das zusätzlich die Doppelmoral und die „Wir müssen es allen Recht machen“ Haltung in Deutschland? Ja, das tut es.

Zusätzlich wird bei aller „political correctness“ folgendes vergessen: Die WM findet mittlerweile in Staaten wie Russland und Katar statt. Man kann an dieser Stelle mit „Fußball und Politik sollten getrennt werden“ argumentieren, aber dieser Ansatz löst sich von selbst auf. 

Das wir bei der WM und der FIFA als auch vom DFB nicht mehr ohne politischen Zusammenhang bewerten und darüber reden könne, zeigt spätestens dieser Vorfall. Dass im Jahr 2018 ein Spieler wie Mesut Özil, der als Vorbild für viele Deutsch-Türken angesehen wird, durch Rassismus und Feigheit der deutschen Politik regelrecht aus der Nationalmannschaft gemobbt wird, ist für mich ein tragischer Rückschritt. Es zeigt das wir mit Integration und Rassismus noch garnicht so weit sind wie wir dachten und das es selbst fundierte Menschen wie Özil trifft. Zusätzlich erwartet uns eine Stagnation die zu einer noch größeren Spaltung der Gemüter führen wird. Was diese Erkenntnis weiter stützt: Hitlergruße in Dresden, mitten in der Innenstadt. Die existieren, und „Linksextreme“ regen sich darüber auf, aber Nein, Rassismus, Islamophobie und Antisemitismus miteingeschlossen, existiert in Deutschland nicht. Und ja erst recht nicht im Fußball. Diese Aktion zeigt: Der Weg ist noch viel länger und härter als erwartet. Zusätzlich hat das ganze insbesondere einer Partei in die Hand gespielt: Den Rechten. Unterstützend dabei ist die Regierung, oder der DFB, die sich nicht rückendeckend bezüglich Özil äußern. Dazu zählen Aussagen wie „Ich bin gegen Rassismus“ nicht, sorry.

Ein fataler Nebeneffekt dabei: Multikulturell sein und zwei Herzen in sich zu tragen wird abgewertet und folgt zu dem Zwang sich entscheiden zu müssen. Denn man darf nicht zu deutsch sein, aber auch nicht zu türkisch, arabisch, russisch, polnisch, persisch etc.

Özil hat schon in den letzten Jahren viel zu seinen Wurzeln gesagt, insbesondere im Bezug auf Fußball:

„Ich habe in meinem Leben mehr Zeit in Spanien als in der Türkei verbracht – bin ich dann ein deutsch-türkischer Spanier oder ein spanischer Deutsch-Türke? Warum denken wir immer so in Grenzen? Ich will als Fußballer gemessen werden – und Fußball ist international, das hat nichts mit den Wurzeln der Familie zu tun.“

– Mesut Özil

Özil ging auch mit den Worten, wenn er gewinne, sei er Deutscher, wenn er verliere, sei er Immigrant. Diese Worte hallen nach, ganz deutlich. Und spiegeln auch wieder wie es vielen  multikulturellen Menschen in Deutschland ergeht. Man hat das Gefühl man stehe unter Zwang alles extra gut zu machen und sich stets zu Beweisen. Dieses Gefühl kennt jeder multikulturelle Mensch nur zu gut. Bleibt zu hoffen, das durch Özil und die „Erdogan Affäre“ diesem Thema in Zukunft mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. Übrigens: Wäre die Mannschaft bei der WM nicht gescheitert, wäre das alles niemals zur Sprache gekommen.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. poesietanz sagt:

    Man kann und darf Fußball seit Jahrzehnten nicht mehr von Politik trennen. Nicht nur aufgrund der wahnsinnig vielen Gelder, die da fließen, sondern eben auch dadurch, dass Sport ein Mittel ist, was die Länder vereinigt. Ich hab ja zu der ganzen Sache auch schon direkt nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft was geschrieben, was du jetzt auch nochmal aufgegriffen hast, und ich hätte damals nicht gedacht, dass das Thema so lange so präsent bleibt. Es ist auch gar keine Frage, dass die Behauptungen, Özil würde die „Rassismuskarte ziehen“, völliger Bullshit sind. Das ist keine Taktik, das ist die Realität. Und das macht mich echt fertig.

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